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Das Narzissen – Prinzip

13. August 2012

Meine Tochter hatte mich mehrfach angerufen und gesagt, „Mutter, du musst die Narzissen sehen, bevor sie verblüht sind“. Ich wollte immer kommen, aber von Laguna nach Lake Arrowhead war es eine Fahrt von zwei Stunden. „Ich komme am nächsten Dienstag,“ versprach ich – ein wenig zurückhaltend – bei ihrem dritten Anruf.

Der kommende Dienstag begann kalt und regnerisch. Aber ich hatte es versprochen, also fuhr ich los. Als ich endlich in Carolyns Haus angekommen war und meine Enkel begrüßt hatte, sagte ich, „Vergiss‘ die Narzissen, Carolyn! Die Straße ist vor lauter Nebel kaum zu erkennen und es gibt außer dir und diesen Kindern nichts auf der Welt, wofür ich auch nur noch einen Zentimeter weit fahren würde“. Meine Tochter lächelte und sagte entspannt: „Wir fahren jeden Tag bei diesem Wetter, Mutti.“

„Nun, mich bekommst du nicht auf die Strasse. bevor es aufklart. Und dann mache ich mich auf den Heimweg,“ machte ich ihr klar.

„Ich hatte gehofft, du würdest mich zur Werkstatt fahren, damit ich mein Auto abholen kann“. „Wie weit müssen wir fahren?“ „Nur ein paar Häuser weit,“ sagte Carolyn „ich kann fahren, ich bin das Wetter hier gewohnt.“ Nach ein paar Minuten fragte ich: „Wohin fahren wir? Das ist nicht der Weg zur Werkstatt!“ „Wir nehmen den langen Weg dorthin,“ lächelte Carolyn, „entlang an den Narzissen.“

„Carolyn,“ sagte ich in ernstem Ton. „Dreh bitte um.“ „Es ist schon in Ordnung Mutter, versprochen. Du wirst es dir nie verzeihen, wenn du dieses Erlebnis verpasst.“

Nach etwa zwanzig Minuten bogen wir auf einen schmalen Schotterweg ab und ich sah eine kleine Kirche. An der langen Seite des Gebäudes sah ich ein handgeschriebenes Schild, auf dem „Narzissengarten“ stand.

Wir stiegen aus und nahmen jeder ein Kind an die Hand. Dann folgte ich Carolyn. Als wir um die Ecke kamen, blieb mir der Atem stehen.

 

Vor mir zeigte sich einer der wundervollsten Ausblicke. Es sah aus, als hätte jemand ein Fass voll Goldstaub genommen und über den Bergwiesen ausgeschüttet. Die Blumen waren in majestätischen, bandähnlich abwechselnden Mustern aus leuchtendem Orange, Weiß, Zitronengelb, Lachsrosa, Safran und Creme angepflanzt. Jede unterschiedliche Farbe war so eingesetzt, dass das ganze Bild einem reißenden, wirbelnden Fluss mit einzigartigen Schattierungen glich. Es war eine Fläche von etwa zwei Hektar voller Blüten.

„Aber wer hat all dies hier geschaffen?“ fragte ich Carolyn. „Es ist nur eine einzige Frau,“ antwortete sie.“ Sie lebt hier. Das ist ihr Heim.“ Carolyn zeigt auf ein gepflegtes Häuschen, das inmitten all dieser Pracht klein und schlicht wirkte. Wir gingen auf das Haus zu. Auf der Veranda hing ein Plakat.

 

„Antworten auf Fragen, die Sie stellen werden “ lautete die Überschrift.

Die erste Antwort war einfach.

„50.000 Setzlinge,“ stand dort.

Die zweite Antwort lautete:

„Eine nach der anderen. Von einer einzigen Frau. Zwei Hände, zwei Füße und mäßig viel Hirn.“

Die dritte Antwort lautete:

„Begonnen im Jahre 1958.“

Das war es: Das Narzissen-Prinzip.

 

Für mich stellte dieses Erlebnis eine lebensverändernde Erfahrung dar.

Ich gedachte dieser Frau, die ich nie gesehen hatte, die vor über 40 Jahren angefangen hatte, einen Setzling nach dem anderen zu pflanzen, um ihre Vision von Schönheit und Freude auf diesem Berggipfel zu verwirklichen.

Und nur das einfache Einpflanzen von einem Setzling nach dem anderen, Jahr für Jahr, hatte die Welt verändert. Diese unbekannte Frau hatte etwas Großes von unbeschreiblicher Pracht, Schönheit und Inspiration geschaffen.

Auf gewisse Weise stimmt es mich traurig, gab ich vor Carolyn zu.“ Was hätte ich alles erschaffen können, wenn ich mir vor 35 oder 40 Jahren ein wundervolles Ziel ausgesucht und all die Jahre nach der Methode „Setzling um Setzling“ an seiner Verwirklichung gearbeitet hätte. Denk nur, was ich hätte erreichen können!“

Meine Tochter fasste die Botschaft des Tages auf ihre übliche direkte Weise zusammen.

„Fang‘ morgen damit an,“ sagte sie.

Wir sagen uns immer, dass das Leben besser würde, wenn wir verheiratet sind und eine Familie gründen. Dann sind wir unzufrieden, weil unsere Kinder noch nicht groß genug seien und dass wir zufrieden wären, wenn sie es sind. Danach sind wir frustriert, weil wir es mit Teenagern zu tun haben. Wenn sie aus diesem Alter erst einmal heraus sind, dann werden wir sicher glücklich sein.

Wir reden uns ein, dass unser Leben vollständig ist, wenn unser Lebenspartner Dinge geklärt hat, wenn wir ein schöneres Auto haben, wenn wir uns einen exotischen Urlaub leisten können oder wenn wir in den Ruhestand treten. Die Wahrheit ist, es gibt keinen besseren Augenblick um glücklich zu sein, als den jetzigen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ihr Leben wird immer aus Herausforderungen bestehen. Es ist das Beste, sich diese Tatsache einzugestehen und sich zu entscheiden, jetzt glücklich zu sein.

Schätzen Sie also jeden Augenblick, den Sie haben und schätzen Sie ihn umso mehr, wenn Sie ihn mit einem besonderen Menschen verbracht haben, wertvoll genug, um Ihre Zeit mit ihm zu verbringen und bedenken Sie, dass die Zeit auf niemanden wartet.

 

Hören Sie also auf, zu warten …

… bis Ihr Haus oder Ihr Auto abbezahlt ist

… bis Sie ein neues Haus oder ein neues Auto haben

… bis Sie Kinder haben

… bis Ihre Kinder ausziehen

… bis Sie wieder zur Schule gehen

… bis Sie die Schule beenden

… bis Sie abnehmen

… bis Sie zunehmen

… bis Sie heiraten

… bis Sie geschieden sind

… bis es Frühling ist

… bis es Sommer ist

… bis es Herbst ist

… bis es Winter ist

… bis Sie sterben!

 

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, um glücklich zu sein. Glück ist eine Reise, kein Zielort. Genießen Sie es!

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